„Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme“

 

Der Blinker tickt fast so ungeduldig, wie ich es gerade bin. Ich stehe mit dem Auto an der Ausfahrt und sehe die Kolonne an Fahrzeugen an mir vorbeiziehen. Keine Chance links abzubiegen. Die Zeit vergeht und ich bin zunehmend genervt. Der LKW-Fahrer scheint das gemerkt zu haben. Er bremst ab und blendet kurz auf. Mit einer freundlichen Handbewegung lässt er mir die Vorfahrt. Ich lächele und hebe zum Dank kurz die Hand. Schon geht es weiter.

Ich weiß auch nicht, aber im Straßenverkehr lässt sich irgendwie die ganze Bandbreite des Zusammenlebens ablesen. Es müssen Regeln beachtet werden, auch wenn mancher sie missachtet. Es wird provoziert und gedrängelt. Es geht rasend zu oder zu langsam. Manchmal läuft es ganz flüssig. Dann geht mitunter gar nichts mehr.

Da ist doch so eine kurze Geste entgegen aller Vorfahrtsregelungen wie eine kleine Sternstunde des menschlichen Miteinanders. Ein Handbewegung, ein Lächeln, ein Dank und schon geht es für alle weiter. „Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme“ – so lernt es jeder in der Fahrschule als oberstes Gebot.

Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme sollte auch sonst mein Leben bestimmen. Besonders wenn es um die Schwachen und Bedürftigen unter uns geht. Nicht alles kann da gesetzlich geregelt sein. Sondern es kommt häufig auf meine freundlichen Gesten gegenüber anderen an.

Auch in meinem Glauben ist das so. Gott ist mir mit solchen freundlichen Gesten nahe. Besonders dann, wenn es nicht mehr weitergeht. Mitunter ist es ein kleiner Wink, ein Lächeln, ein kurzer Dank. In der Bibel werden solche Momente Gnade genannt. Gott begegnet mir mit seiner Gnade. So beschreibt es auch der Evangelist Johannes im Wochenspruch: Von Gottes Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (Joh. 1, 16)

Dr. Heiko Jadatz (Pfarrer der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Roßwein-Niederstriegis)